Leroi-Herzer / Deux Nous

"Ich kam per Zufall so gegen Mitternacht in das Restaurant unten am Fluß. Das Licht schien gedimmt und die Leute saßen dicht an dicht, ihre ganze Aufmerksamkeit auf eine kleine Bühne in einer Ecke gerichtet, auf der zwei Männer konzentriert Musik machten: Ich hörte einen unendlich  langezogenen Akkordeon-Ton, der sich weit in den Raum reckte, um sich urplötzlich in eine perlende Kaskade stürzender Triolen aufzulösen, die auf einem soliden Kontrabass Untergrund entlang zu kullern schienen. Auf einem kleinen Parkett vor der Bühne tanzte ein inniges Paar Tango. Es war Liebe und ihre Unmöglichkeit in einem Moment. Und es war das erste Mal, dass ich Leroi-Herzer gesehen habe - und Tango verstanden habe."

 

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Dem Status der Folklore längst entwachsen ist Tango zu einer universellen Sprache geworden: Kein einbalsamiertes Kulturerbe, sondern lebendige Weltkultur. Die Empfindung, die der Tango heute thematisiert, wohnt nicht mehr nur in den Auswandererquartieren der Metropole Buenos Aires, sondern überall. In einer allenthalben fröstelnden, auf Effizienz gebürsteten Welt ist der Tango zum globalen Idiom der Sehnsucht-wonach-auch-immer gereift: Die Heimat, die Liebe, die Träume, etwas, das man nicht genau benennen kann - wo ist da noch der Unterschied? Wir alle sind irgendwie in der Fremde.

Das zeigen nicht nur die, die ihn spielen, sondern Millionen von Hörern und vor allem die Tänzer, die rund um den Erdball in Tango-Schulen, -Clubs und -Bars die strenge und doch leidenschaftliche Choreografie der Klage zelebrieren: Statt Melancholie sehenden Auges ins Pathologische driften zu lassen, nimmt sie der Tango an die Hand, umarmt sie und tanzt mit ihr. Tango nimmt die Traurigkeit des Herzens an und feiert sie als lebendigen Bestandteil unseres Daseins.

Leroi und Herzer haben die Mission des Tangos verinnerlicht: In zahllosen Konzerten und zwei CDs haben sie den Tango in seiner reinen und traditionellen Form gespielt, studiert, durchdrungen und geatmet. Und so sind sie von virtuosen Interpreten des Genres zu sensiblen Komponisten gereift, die jetzt mit ihrem dritten Album "ihre eigene Stimme erheben - mit elf Eigenkompositionen, die variantenreich, überraschend und oft auch augenzwinkernd die vielfältigen Abzweigungen des Tango-Stammbaums durchspielen: Vom Tango Clásico bis zum als "Far West" klassifizierten " Tango", vom Finnischen Tango bis zu den launischen Tango-Cousinen Vals und Milonga.

Auf der CD schon das reine Vergnügen und sicherlich bald fester Bestandteil der gepflegten Tango-Playlist von Fans, Schulen und Veranstaltungen, eröffnet sich live eine weitere Dimension: Mittlerweile gereifte Männer, die das Leben in all seinen Facetten kennen, präsentieren

Leroi-Herzer mit ihren Konzerten eine wunderbare Mixtur aus Klassikern und Eigenkompositionen, aus Freude, Trost und Lebensklugheit in musikalischer Form - übrigens auch begleitet von unübertroffen lakonischen Kommentaren zur Geschichte der einzelnen Stücke.

Ja, das Leben ist traurig, aber so traurig nun auch wieder nicht.                                                                                                                    Steffen Herbold

 

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